Hyperaktive Kinder - Bewegung statt Pharma

Die Fakultät Rehabilitationswissenschaften an der Universität Dortmund setzt bei ADHS-Kindern nicht auf Medikamente, sondern auf Bewegung und Wasser.

Christoph ist fast acht Jahre alt. Im November wurde bei ihm ein "Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndroms", kurz "ADHS", diagnostiziert. Seitdem nimmt er das Psychopharmakon Ritalin®.

"Wir sind sehr daran interessiert, dass Christoph an Ihrem Projekt teilnimmt, weil wir der Meinung sind, dass ein Bewegungsprogramm gegen seine motorische Unruhe Erfolg verspricht. Christoph ist ein fröhlicher, aufgeweckter, neugieriger Junge – aber leider ist sein Sozialverhalten überhaupt nicht altersgemäß."

Briefe wie dieser erreichen Professor Gerd Hölter immer wieder. Sie zeigen die pure Verzweiflung von Eltern mit hyperaktiven Kindern. ADHS ist seit Mitte der Achtziger Jahre bekannt, doch die Ursachen liegen noch im Dunkeln. Nur eines steht fest: Die Störung hat nicht nur eine Ursache. Genetische Veranlagung, Ernährung und soziale Strukturen spielen zusammen.

fragliche Wunderpille

Wirksame Therapien? Derzeit gibt es nur eine, den Wirkstoff Metylphenidat (Ritalin®). Das Medikament dämpft die Symptome und hilft bei 70 Prozent der Kinder. Doch schon heute wird diskutiert, ob das Präparat nicht langfristig mehr Schaden anrichtet, als dass es nutzt – Suchtpotenzial und die Entwicklung einer Parkinson-Erkrankung werden diskutiert.

An der Universität Dortmund sucht man daher nach Alternativen, ADHS anders in den Griff zu bekommen.

ideales Element Wasser

Im Wasser kann sich niemand so schnell bewegen wie an Land. Im Wasser ‚zappeln’ geht gar nicht erst. Dazu kommt, dass warmes Wasser den Körper entspannt, weil es ihn umfängt und trägt. Kein Wunder also, dass die Dortmunder Forscher auf Wasser bauen, um ADHS Kinder zu behandeln. Das nasse Element wird zum ‚ökologischen Co-Therapeuten, wie Hölters Mitarbeiterin Christina Koentker es ausdrückt`: "Wasser baut schon von sich aus den Bewegungsdrang ab. Wir geben noch spielerische Elemente dazu, um Handlungsplanung und soziale Kompetenz zu entwickeln".

Die Diplom-Pädagogin hat während ihrer Diplomarbeit sechs ADHS-Kinder mit ihren Eltern betreut. Mehr als ein Vierteljahr lang trafen sie sich im Sommer jede Woche dreimal in einem Warmwasserbecken der Westfälischen Klinik für Psychiatrie.

Dort stand eine Stunde praktische Bewegungs- und Verhaltenstherapie auf dem Programm. In Gruppenspielen mussten die Kinder Aufgaben lösen und dabei klare Regeln einhalten. Wer gegen sie verstieß, erhielt Rote und Gelbe Karten wie beim Fußball. So sollten die Kinder zum Beispiel in einer bestimmten Reihenfolge nach farbigen Ringen im Wasser tauchen, diese an die Oberfläche holen und an Land ablegen. Die Kinder waren eifrig dabei. Spielerisch lernten sie, auch mit Niederlagen umzugehen: "Die Frustrationstoleranz erhöhen", wie es häufig im Fachjargon heißt.

Eltern einbinden

Während sich die Kinder unter Anleitung im Wasser tummelten, sprach die Diplom-Pädagogin Pilar Sojo Sojo mit den Eltern. Dabei beleuchtete sie auch den familiären Hintergrund, der Rückschlüsse auf das Verhalten der Kinder zulässt.

Vorher verteilte Fragebögen wurden besprochen und gemeinsam ausgewertet. Sie sollten dabei helfen, das Eltern-Kind-Verhältnis zu klären. Täglich führten die Eltern ein "Verhaltenstagebuch", in dem sie Veränderungen und besondere Eigenschaften ihres Kindes festhielten. Bei der gezielten Beobachtung entdeckten die Eltern überrascht mehr positive Aspekte an dem Verhalten ihrer Kinder, als sie bisher für möglich gehalten hatten.

"Wir versprechen kein Allheilmittel. Aber mit unserer Methode soll es möglich werden, die Medikamenten-Dosis zu senken. Mehr Bewegung und Therapie, dafür weniger Ritalin – das ist unser Konzept."

Professor Gerd Hölter, Universität Dortmund

 

 


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